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Abluka – Jeder misstraut jedem Titel: Abluka – Jeder misstraut jedem

Regisseur: Emin Alper
Land: Türkei
Jahr: 2015
Länge: 119 Minuten
Sprachfassung: türkisch
Untertitel: deutsch
FSK: ungeprüft

Beschreibung
mit Mehmet Özgür, Berkay Ateş,Türlin Özen, Müfit Kayacan, Ozan Akbaba

Istanbul versinkt im Chaos. Bewaffnete Gruppen haben die Kontrolle über die ärmeren Stadtteile gewonnen. Die Polizei ist machtlos. Kadir wird vorzeitig aus der Haft entlassen und soll als Informant arbeiten. Er überprüft den Müll auf Sprengsätze und die Straßen auf verdächtige Subjekte hin. Doch als Erstes sucht er seinen jüngeren Bruder Ahmet auf. Wer kann wem noch trauen? Eine Momentaufnahme aus der nahenden Endzeit – von höchster Intensität. grandfilm.de

Kadir sitzt aus nicht näher erklärten Gründen eine längere Haftstrafe ab. Er soll bedingt entlassen werden, sofern er bereit ist, sich in den Dienst von Polizeiinspektor Hamza zu stellen. Seine Aufgabe: den Abfall auf den Straßen Istanbuls nach Sprengsätzen untersuchen, die möglicherweise für den Bau von Bomben verwendet wurden. Kaum ist er draußen, sucht er seinen Bruder Ahmet auf, der noch ein kleiner Junge war, als er in Haft kam. Dieser erkennt ihn nur mit Mühe wieder und wirkt entsprechend distanziert. In dessen Wohnung ist es dunkel, Frau und Kinder haben ihn vor kurzem verlassen. Ahmet arbeitet für die Verwaltung und ist damit beauftragt, wildernde Hunde in den Außenbezirken Istanbuls zu erschießen. Er hilft Kadir, eine Bleibe zu finden und bringt ihn beim befreundeten Paar Meral und Ali unter, die in der Nähe wohnen. Im heruntergekommenen Außenquartier hört man nachts das Grollen von Explosionen, das Staccato automatischer Waffen, dumpfes Dröhnen von Truppentransporten und Panzerwagen. Kadir fügt sich gut ein und erledigt seinen Hilfsjob gewissenhaft. Eine alte Schreibmaschine, die er zufällig auf dem Flohmarkt entdeckt, ermöglicht ihm, sich zusätzlich zu profilieren. Er überrascht den Inspektor mit fein säuberlich getippten, detaillierten Reporte über das Verhalten und die Gewohnheiten einiger verdächtiger Anwohner. Das gewonnene Wohlwollen nutzt er, um bei Hamza Erkundigungen über den mittleren Bruder einzuziehen, der unter mysteriösen Umständen verschwunden ist, kurz nachdem Kadir ins Gefängnis gekommen war. Ahmet hat auf der anderen Seite zunehmend Mühe mit der Arbeit, trifft seine Ziele nicht mehr so zuverlässig wie früher. Eines Abends beobachten wir, wie er bei sich zuhause einen angeschossenen Hund aufpäppelt. Die Angst, dabei entdeckt zu werden, macht ihn übervorsichtig und mit der Zeit geradezu paranoid. Er schottet sich komplett ab, nicht mal seinen Bruder lässt er an sich heran. Aus dem seltsamen Verhalten folgert Kadir, dass Ahmet bei sich zuhause festgehalten wird und schaltet Inspektor Hamza ein, um ihn zu befreien. grandfilm.de

Wenn man niemandem mehr trauen kann
Das türkische Kino ist in den vergangenen Jahren aufgefallen mit Filmen, die in den Kern existenzieller und politischer Fragen vorgedrungen sind. Sei das die Yusuf-Trilogie von Semih Kaplanoğlu, deren dritter Teil Bal in Berlin den Goldenen Bären gewann, sei es die monumentale Innenansicht Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan, in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. Emin Alpers jüngster Film Abluka ergänzt diese Werke mit einer atemberaubend konsequent gestalteten und Gänsehaut erzeugenden Betrachtung einer Gesellschaft, in der die Angst regiert und keiner mehr dem anderen trauen kann. Während zum Einstieg ein Mann aus dem Gefängnis entlassen wird mit dem Auftrag, draußen unauffällig für den Staat zu schnüffeln und dies nicht einmal dem eigenen Bruder zu sagen, fragt man sich am Ende des Filmes, ob seine Freiheit im Gefängnis nicht grösser gewesen sei. Emin Alper hat einen Film gestaltet, der unter die Haut geht, weil er in einer wagen Zukunft spielt in einem Land, in dem diese verdammt nahe ist. Die Türkei steht mit einer Regierung, für die Waffen und Gefängnis alltägliche Instrumente der Disziplinierung geworden sind, für eine beängstigende Tendenz. Die Stadt im Film zuckt im Chaos von Gewalt und Gegengewalt. Paranoia dominiert alles. Der jüngere Bruder des Entlassenen mauert sich ein, weil er den Leuten nicht mehr traut. Wenn es einen Film gibt, der uns vor Augen führt, wohin ein Land und seine Gesellschaft driften, wenn Ausgrenzung und Verdacht bestimmend werden, dann dieser. Die Beklemmung vermittelt sich ganz direkt, eine ausgeklügelte Tonspur verleiht den düsteren Bildern den Abgrund, in den wir fallen, wenn nur noch das Dunkel regiert. Staatliche Gewalt und jene des Terrors sind nicht mehr zu unterscheiden. Kein gemütliches, aber ein ungemein starkes und beängstigend aktuelles Kinostück. Walter Ruggle/trigon-film.org